Sexualität

Beim menschlichen Wesen kann man eine biologische Sexualität, die auf die Fortpflanzung abzielt, eine mehr „menschliche“, auf dem Vergnügen beruhende, und eine dritte Art unterscheiden, die gemäß ihrer Triebbedeutung (emotionell und sexuell) mit einer subtilen, dem Übersinnlichen verbundenen Dimension liiert ist, welches tatsächlich die Quintessenz des Gefühls der Liebe selbst ist.

Die Liebesmagie, die die Poeten besingen wird durch diese höhere Form des Liebeslebens charakterisiert; Novalis sprach von elektiven Affinitäten, um diese Art Syntonie, die die Gefühle transzendiert, zu beschreiben. Die Sexologie beschäftigt sich prinzipiell mit dem biologischen Funktionieren nach tierischem Beispiel. Die Pornographie nährt sich von der Suche nach Vergnügen, verstärkt durch eine reaktionelle Formation gegen mit Lüsternheit verbundene Schuldgefühle, ohne dass es ihr gelingt einen gewissen Abscheu vor Sex ohne Liebe auszuschalten.

Was für eine Position nimmt die evolutive Ökopsychologie ein? Die Entdeckung der Rolle des Eros bei der Entwicklung der übersinnlichen Fähigkeiten und der ständige Zugang zur transcendenten Dimension, führt zu einer einheitlichen Sicht der biologischen, hedonischen und transzendenten Aspekte des Liebes- und sexuellen Leben. Die Aufspaltung in verschiedene Dimensionen ist in Wirklichkeit die Konsequenz eines Millionen Jahre alten Abgleitens, das noch genauer zu definieren ist.

Hier einige Richtlinien zu den natürlichen Gesetzen einer sexuellen Realisierung, wie sie aus Beobachtungen über die Verbindung von Liebe und Entwicklung des Übersinnlichen gezogen werden konnten:

Vergnügen sollte nicht ein Selbstzweck sein, sondern als eine Art Führer für adäquates Benehmen willkommen geheissen werden. Unter dem Vorbehalt, dass jegliche parasitäre Reizursache des Nervensystems ausgeschlossen wird (Aufputschmittel, Drogen, Aphrodisiaka, Sexspielzeug usw.) zeigt es von Natur aus den zu folgenden Weg an, um den unterschiedlichen Trieben zu erlauben ihr transzendentes Ziel zu erreichen.

Die für die Fortpflanzung spezifischen Triebe (Besitzverhalten – Kopulation – Ejakulation) nehmen nur einen zweitrangigen Platz im Hinblick auf andere sexuelle Aktivitäten ein. Man braucht nur eine geringe Anzahl an Kopulationen, um das Fortbestehen der Spezies zu sichern.

Der Größte Teil der erotischen Triebe (die „polymorphen“, gemäß Freud) haben als Ziel weder Befruchtung, noch organische Lust. Jenseits von Begierde, Besitzverhalten und der Suche nach Vergnügen, sind sie von Natur aus mit einem Gefühl von Magie verbunden, eine flüchtige Belohnung aber für einen authentischen transzendenten Energieaustausch essenziell. Der Orgasmus sollte als eine Öffnung zum Heiligen gesehen werden, frei von Denken, Willen oder Berechnung.

Es bleibt delikat von dieser Art Liebesbeziehung zu sprechen, die Worte und Gedanken riskieren die Subtibilität im Keim zu ersticken. Ihre Fragilität erklärt sich aus dem Ursprung der Esoterik (Lehre für „Auserwählte“) und den Geheimnissen rund um die „Initiationen“ (Mysterium des Eleusius, des Gartens der Lüste von Hieronymus Boschusw.) als auch durch die offensichtliche Vorherrschaft einer reduktionistischen Kultur, die fähig ist die Öffentlichkeit einzunehmen, ohne auf Widerstand zu stoßen.

Die Erfahrung hat gezeigt, dass jegliche Egoeinmischung mit diesem dritten Typus von Liebesbeziehungen unvereinbar ist, da es zu einem Abgleiten aus der Magie in tierische Kopulation kommt. Das ist von einer Vergewaltigung nicht weit entfernt. Tatsächlich empfindet die Partnerin der auf biologische oder berechnende Ebene, frei von Liebesmagie, abgleitenden Person automatisch Abweisungstriebe, ob es ausgedrückt wird oder nicht, sodass die Forführung der Beziehung einem wirklichen oder virtuellem Zwang gleichkommt.

Man findet eine Kristallisierung dieser negativen Triebe im Beleidigungsvokabular wieder, meistens sexuell inspiriert (fick dich davon, Arschloch…) oder im für unsere westliche Kultur typischen schlüpfrigen Humor. Sie durchzieht auch die Jugendsprache. Man hört Begriffe wie „Tussi“, „Möse“, „Ficker“, alles Ausdruck für eine als degradiert empfundene Sexualität, die aber in diesem Alter einen zentralen Platz einnimmt.

Zu Beginn einer Liebesbeziehung ist das Gefühl von Magie oft vorhanden, besonders bei der Liebe auf den ersten Blick. Sie zeigt klar an, dasses sich um etwas viel Höheres handelt als einfache biologische oder sentimentale Triebreaktionen. Die Schwierigkeit besteht darin sie zu erhalten, wenn die Beziehung andauert.

Alles was die Liebesmagie zerstören könnte wie die Lustsuche (für sich oder andere), Schuldgefühle, aufdringliche Gesten, unnötiges Geschwätz, Wiederholungssucht, Ungeduld zum Orgasmus zu gelangen usw. muss vermieden oder zum Schweigen gebracht werden, bevor es zuviel Platz im Bewusstsein oder im Verhalten einnimmt. Das sich Genieren muss durch eine dem Heiligen gegenüber respektvolle Schamhaftigkeit ersetzt werden; ein Liebesanhaften durch Hingabe; kein Denken: „Ich liebe Dich, du mich“, sondern „Die Liebe die zwischen uns fließt, verbindet uns mit dem Transzendenten“; noch besser, gedankenfrei sein.

Man muss ebenfalls lernen Besitzverhalten, Eifersucht, geschlossenes Paarverhalten, dessen Modell sich uns in einer konventionellen Familie von frühster Kindheit eingeprägt hat, zu überwinden. Diese Elemente stammen direkt vom Ego und sollten einer Herzensöffnung platzmachen, unter Vermeidung eines Einschließens in eine wiederholungssüchtige Beziehung. Bei Fremdgehen handelt es sich sehr sicher um angeborene Triebe, ungeachtet dessen, was unternommen wurde, um sie auszuradieren.

Das zyklische Auftreten von Freiheitsbestrebungen, des Fourierismus, von Polyamour und anderen Bewegungen, die unsere Geschichte markierten, gehen in die gleiche Richtung. Die Dinge erhellen sich, wenn man versteht, dass die Liebe weder Sache eines Alpha-Paares noch machomäßiger Dominanz ist, sondern ein Energieaustausch, der die spirituelle Evolution des Individuums sichert. Die mit der Fortpflanzung verbundenen triebe sollten sich in den Dienst der übersinnlichen Dimension stellen, wobei Visionen sich darum kümmern die Ankunft eines Kindes anzukündigen und sein Schicksal vorherzusehen.

Die klassische Sexualität befindet sich meistens auf biologischen und gefühlsmäßigen Niveau; die durch binäre Beziehungen begünstigte Wiederhoungssucht entledigt sie schnell ihres subtileren Inhalts. Daraus resultiert ein diffuses Frustrations- und Schuldgefühl, gemischt mit organischer Befriedigung, die der Sexualität in unserer Kultur dieses zwiespältige Image verleihen.

Es ist nicht leichtsich von den klassischen Verhaltensschemata zu befreien und die ursprüngliche Unschuld wiederzuentdecken. Es ist eine große innere Arbeit nötig, um all die kulturellen Elemente, moralischen Vorschriften, Schuldgefühle, sexologische Behauptungen, Pornographie, sexuelle Schulerziehung, sexuelle „nicht angebundene“ Erfahrungen, Stigmaisierungen, Rechtfertigungen, Rationalisierungen, religiöse Überzeugungen und andere Einprägungen, die das Bewusstsein stören, abzubauen.

Das ist aber der Preis, dass die sexuellen – und Liebestriebe ihr transzendentes Ziel erreichen können… Das Thema wird weitreichend und fundamental in den unterschiedlichen Kapiteln des Ausbildungskurses vertieft.