Sex und Heiliges

Unsere Gesellschaft ist reichlich eigenartig! Sie sieht im Sex mal eine unwiderstehliche Anziehungskraft, mal Abscheu, mal Ausdruck der Liebe, mal der Sünde, mal die Magie des Begehrens, mal die Abgründe der Versuchung…

Wenn es ein Gebiet gibt, das vor Widersprüchen nur so wimmelt, so ist das die Sexualität. Die Explosion der Pornographie breitet vor aller Augen die Bandbreite der Frustration aus. Die Flut an Anzüglichkeiten sind ein Maßstab für des tiefen Unbehagens, welches uns die herrschende Art und Weise mit der Sexualität umzugehen, einflößt. Die heilige Dimension der Hochzeit wird unter dem Prozentsatz der Scheidungen erdrückt, wobei die sehnlichst erwarteten Kinder die Rechnung bezahlen müssen. Wir erwarten von der Jugendzeit an, dass das sexuelle Leben uns größtes Glück bringt, aber die Liebe ist ein Schmelztiegel der größten Schmerzen…

Eine widersprüchliche Situation deckt häufig einen kulturellen Fehler gegenüber den Naturgesetzen auf. Die Verhaltensschemata, die uns die Moral diktiert, könnten nichts als ein jahrhunderte-, ja sogar jahrtausendealtes Abgleiten von einem natürlichen Verhalten sein. Die Archäologen präsentieren uns die primitive Sexualität als eine Art Vergewaltigung. Sie schöpfen ihre Vorstellungen aus den brutalsten Schichten des Menschen, so wie sie ihn kennen, d.h. des heutigen Menschen. Aber wie war es wirklich?

Die Bonobos sind Hominieden mit dem dem Menschen am nahestehendsten sexuellen Verhalten. Die sexuellen Beziehungen sind häufig und polymorph, aber drehen sich immer um Versöhnung und Harmonie der interindividuellen Beziehungen, was auch ein Merkmal der Liebe ist. Wenn schon einfache Primaten in der Lage sind die Sexualität auf eine Ebene zu heben, die eine reine biologische Reproduktion übersteigt, im Gegensatz zu dem, welches wir eine animalische Sexualität nennen, sollte man in Betracht ziehen, dass das viel weiter auf dem Evolutionsweg fortgeschrittene menschliche Wesen sie auf diesem Gebiet wie auch auf anderen (Sprache, Denken, Kultur…) übertreffen sollte.

Geht man an ein so undurchsichtiges Gebiet wie dieses heran, wäre eine exzellente Heuristik vorauszusetzen, dass jede Situation, die Unbehagen oder Leiden erzeugt, in einer oder anderer Hinsicht von den Naturgesetzen abweicht. Das bringt uns zu der Behauptung, dass wir eine bestimmte Spanne an genetisch bestimmten Verhaltensweisen haben, und wir die von der Natur vorgegebenen Grenzen überschreiten. Beim aktuellen Stand der Dinge ist aber das Liebesleben häufig Quelle stärkster und am meisten traumatisierender Schmerzen. Man sollte also daran denken, dass unser Liebesverhalten von den unserer Natur eigenen Anforderungen abweicht.

Und wenn die Alten doch recht hätten, wenn sie aus dem Eros einen die Welt organisierenden Gott machten, den großen Bezwinger des primitiven Chaos? Indem wir den Geboten dieses Gottes gegenüber ungehorsam sind, seine Unschuld verhöhnen, wobei wir ihm Lüsternheit und Schuld unterstellen, haben wir vielleicht mehr Punkte als was? gemein als man meint.

Als Vater der westlichen Philosophie erachtet, bietet uns Platon eine sehr spezielle Sicht der Erotik:

eine mit tierischer Funktion (Fortpflanzung) und eine mit der Suche nach höherem Vergnügen, die unserer Seele Flügel wachsenlassen soll, um zu den Essenzen vordringen zu können. Das Wort Essenzen wird oft durch das Wort „Ideen“ übersetzt. Diese Essenzen sind nach Platon über dem Himmelsgewölbe platzierte, übernatürliche Gebilde, erreichbar durch gewisse höhere Fähigkeiten, über die Priester, Künstler und Wahrsager verfügen. Zwischen Sex und dem Heiligen gibt es keine Trennung gibt es keine Trennung, sondern zwischen einem himmlischen und einem vulgären Eros…

Die Parallele mit den Entdeckungen der evolutiven Ökopsychologie ist frappierend. Die Tatsachen haben gezeigt, dass eine Liebe, die nach gewissen natürlichen Regeln gelebt wird, erlaubt erstaunliche übersinnliche Fähigkeiten zu entwickeln, und diese haben sich als fähig erwiesen Zugang zu den Archetypen zu gewähren, die mit ihrem spirituellen Inhalt offensichtlich an die Essenzen erinnern.

Somit vereinen sich, unter der Schirmherrschaft von Natur und Liebe, wie durch Zauberhand diese Körperpartie, die uns jedes Glück verspricht mit dem Teil der Seele, der uns zur höchsten Seeligkeit bringt…