Nackte

Warum hat Hieronymus Bosch unter den zahllosen Personen seines Gartens der Lüste einzig nackte Körper dargestellt? Es gibt gerade mal eine Ausnahme, in besagter Höhle des Phytagoras, während man mehr als eine Hundertschaft von Personen in der pädagogischen Provinz allein zählt.

Bosch hatte sicherlich nicht als Ziel den Zuschauer zu schockieren. Die Nacktheit, wie auch die Gesichtsausdrücke, drücken hier eine quasi infantile Unschuld aus, ohne den Schatten der Wollust oder der Perversion. Allen Anschein nach steckt eine Absicht dahinter. Der Maler spielte notwendigerweise auf die Resonanz an, die sie im Geist der Betrachter hervorbringen würde.

Das in aller Schlichtheit präsentierte menschliche Wesen, erinnert an seine Stellung vor dem Schöpfer. Ein nackter Körper lässt außerdem an eine Liebesbeziehung denken, die vorzugsweise in engem Körperkontakt praktiziert wird. Das Fehlen der Bekleidung erinnert uns an einen ursprünglichen Zustand, an ein verlorenes Paradies aus der Zeit vor dem Sündenfall. Die Hauptbotschaft könnte treffender diejenige, der für das Aufblühen des Heiligen Eros notwendigen Unschuld sein.

Bevor wir uns die Frage stellen: „Warum nur Nackte?“, sollten wir uns eine Ergänzungsfrage stellen: „Warum zieht man sich an?“ Die Temperatur in unseren Regionen könnte die Sache im Winter erklären, aber wir genieren uns fürchterlich bei der Idee uns selbst bei großer Hitze nackt zu präsentieren. Nacktheit wurde sogar als Bestrafung benutzt, z.B., wenn man eine ehebrüchige Frau nackt vor aller Augen zerrte. Entspringt eine derartige Haltung der Kultur, oder geht sie auf das Konto der menschlichen Natur?

Man stellt fest, dass das kleine Kind nicht daran denkt seinen Körper zu verstecken, man muss ihm den Reflex sich anzuziehen durch Erziehung beibringen. Häufig wehrt es sich gegen diese restriktiven Maßnahmen und scheint es nötig zu haben seinen Körper und die der anderen zu entdecken. Dann kommt ein Alter, wo Befangenheit auftritt, besonders nach der Pubertät. Man muss sich nun fragen, von wo dieses Genieren kommt, und ob es universell ist. Die Tatsache, dass gewisse primitive Völker dem nicht unterliegen, verstärkt nur die Fragestellung, denn der Anblick ihrer Unschuld beweist, dass es auch anders sein kann. Folglich darf man die Hypothese nicht vernachlässigen, gemäß der das Genieren, welches wir innerlich fühlen, nicht unbedingt zur menschlichen Natur gehört und von einer Ursache stammt, die noch zu bestimmen ist.

Die Frage nimmt also folgende Form an: „Warum haben wir so ein Schamgefühl in Bezug auf Nacktheit?“

Ein (schlechter) Soziologe würde antworten, dass das Verbergen der Intimteile eine soziale Norm ist, und dass jedes Abweichen von der Norm automatisch ein Schuldgefühl nach sich zieht. Die Erklärung überzeugt nicht, da die gefühlte Scham nicht mit einem einfachen sozialen Schuldgefühl zusammenpasst. Es enthält vor allem eine tiefsitzende Angst gesehen oder begehrt zu werden und ein diffuses Bewußtsein, dass dies einen Weg zu etwas Gefährlichem oder Zerstörerischem öffnen würde.

Hier bringt die These vom Heiligen Eros eine fundamentale Antwort. Kennt man das transzendente Ziel der Sexualität und ermisst man seine Wichtigkeit, versteht man das Vorhandensein einer unbewußten Angst sowie eines Schuldgefühls.

Im gewöhnlichen Kontext wird die Sexualität im Allgemeinen fern der Kriterien des Heiligen Eros wahrgenommen und praktiziert. Ihre unbewußte Resonanz ist richtigerweise die einer degradierten und potentiell degradierenden Aktivität, unabhängig eines Schuldgefühls, welches sich hinzuaddieren kann. Erweckt man bei anderen, durch Zur-Schau-Stellen der Geschlechtsorgane, Triebe, von denen man von vornherein den degradierten und degradierenden Charakter ahnt, mit all den Konsequenzen, die das auf existenziellem Niveau haben kann, ruft das automatisch Angst und Schuldgefühle hervor.

Es scheint somit, dass ein sexuelles Schamgefühl die Tendenz hat, sich in der gesamten vom Scheitern des Heiligen Eros geprägten Gesellschaft einzurichten. Im Laufe der Zeit konnte sich daraus eine imposante Norm des Versteckens der an Sexualität erinnernden Körperteile entwickeln. So eine Norm wird aber, ebenfalls unbewußt, als eine unnatürliche Situation empfunden, was bei bestimmten Individuen zu einem unbewußten, zur Überschreitung der Regeln aufrufenden Protest führen kann. Der Exhibitionismus erscheint so als unbewußte Reaktion gegen eine Bekleidungsvorschrift, welche als unnatürlich empfunden wird.

Es ist möglich, dass die Nacktheit der Personen im Garten der Lüste eine Aufgabe dieser Art hat. Sie würde einer Provokation gleichkommen, die gegen eine allgemeine durch die Bekleidungsvorschriften ausgedrückte Degradierung der Sexualität, protestiert. Die Nacktheit zeigt auch, dass das Verschwinden der körperlichen Schamgefühle spontan eintritt, rehabilitiert man den Heiligen Eros.

Dem kann sich noch eine pädagogische Absicht hinzuaddieren, die darauf abzielt, auf eine Haltung der Unschuld, die für diese subtile Form der Liebe unumgänglich ist, aufmerksam zu machen. Im Mittelalter war übrigens der Anblick nackter Körper kein Skandalgrund.