Eine wahrhafte Spiritualität

Es ist nicht leicht die Spiritualität zu definieren und das aus einem offensichtlichen Grund: Sie gehört der transzendenten Dimension unserer Psyche und im weiteren Sinn des Kosmos an, während unsere Gedankengänge und unsere Definitionen vom Intellekt und der Rationalität herrühren. Die Transzendenz kommt von der Symbolik, der Öffnung, Verfügbarkeit und der Ewigkeit, während das Grundmaterial der Rationalität Logik, Ursache und Wirkung, der permanente Konflikt zwischen Ordnung und Unordnung, Ewigkeit und Endlichkeit ist.

Ein transzendentes Phänomen auf rationaler Ebene zu präsentieren ist, als ob man ein 3D Objekt in die Horizontale bringt und dieses Objekt für das wahre Objekt hält ohne zu wissen, dass es noch eine Dimension mehr gibt als die Koordinaten x und y (als ob man eine Kugel nur als flache Scheibe sieht). Von Pythagoras wurde bereits eine exzellente Metapher verwendet, um diese Inkompatibilität zu veranschaulichen: die Allegorie der „Höhle“, deren Bewohner (die gewöhnlichen Sterblichen) von der äußeren Realität nichts als auf die Rückwand projizierte Bilder sehen, während diese Realität für diejenigen (Götter und Philosophen), die sie in ihrer Ganzheit betrachten kann, von Licht durchflutet und reich an einer anderen Dimension ist.

Es ist also schon ziemlich lange her, dass die Menschen, zumindest einige „Eingeweihte“ wissen, dass etwas Essenzielles bei den menschlichen Bedingungen und am Weltbild, wie sie unsere Kultur vermittelt, fehlt. Wegen dieses Mangels bleibt die Spiritualität eine (Re)konstruktion des Geistes, eine Mischung aus Vorstellungen (Intellekt, Glauben, Dogmatik), Gefühlen (Affekt, Frustration, Hoffnungen) Phantasien, welche die Existenz einer transzendenten Dimension (Paradies, Nirvana) ahnen lassen und dem Aufzwingen eines Glaubens an eine (im Allgemeinen unerreichbare) göttliche Quintessenz.

Das Unbehagen ist derart, dass eine systematische Spaltung zwischen dieser universellen Sehnsucht, von der sich die Religionen nähren, und der Welt des Paranormalen, aufgetreten ist. Die monotheistischen Religionen spielen bei seltenen Gelegenheiten auf das Paranormale an, indem sie es auf den Namen Wunder umtaufen – oder als Teufelswerk sehen, wenn es nicht mit dem herrschenden Glauben übereinstimmt. Laienwunder wären eine unloyale Konkurrenz zur kirchlichen Institution, sodass man sie lieber von vornherein aus dem Glaubensapparat ausschließt. Andere Religionen, besonders östliche, respektieren die übersinnlichen Fähigkeiten auch als Geisteskräfte.

Ein katholischer Priester, Pater Bruno, reiste durch die Welt, das ist jetzt einige Jahrzehnte her, um gegen diese Zersplitterung des Spirituellen anzugehen. Er zeigte in seinen Konferenzen auf, dass die Wunder Christi, die Wunder der Heiligen und die paranormalen Phänomene ein und dieselbe Realität darstellen. Eine wahrhafte Spiritualität würde diese Tatsache, die durch die Jahrhunderte klerikaler Macht und Hexenjagd weggefegt wurde, wiederherstellen.

Das Hellsehen ist trotzdem nicht ein direkter Gewinn einer spirituellen Erhöhung. Wir haben uns wie die Blinden an die Eroberung eines Berges gemacht, von dem man nichts als Phantasmen und Gerüchte weiss. Die Visionsfähigkeit zu entwickeln wäre wie das Sehen zurückzuerlangen, schwer zugängliche Wege wiederzuerkennen, Abgründe, Dornengestrüpp und unnötige Umwege mit daraus unweigerlich resultierender Ermüdung und Leiden zu vermeiden. Sie würde uns auch erlauben die Pracht der Landschaft zu genießen, die sich bei jeder neuen Etappe auftut – das was Platon die Betrachtung der absoluten Schönheit der Essenzen nannte.

Es gibt dann keinen Bedarf mehr an einem allmächtigen Vater, der beurteilt und uns unter gewissen Bedingungen verzeiht und uns gelegentlich rächt. Keine religiöse Macht kann sich mehr installieren und die Getreuen ausbeuten. Jeder findet den Führer in sich selbst oder mit Hilfe der übersinnlichen Fähigkeiten seiner ihm Nahestehenden. Die Archetypen und ihre symbolbeladenen Bilder gewähren Zugang zur transzendenten Bedeutung seines Schicksals. Die Interpretationsarbeit, die sie Tag für Tag erfordern, verwandelt ihn tiefgehend. Die Energie, die sie abgeben, trägt ihn wie magisch, ohne Dogmen, Riten oder Liturgie. Er entdeckt nach und nach die wesentliche Gleichheit zwischen Liebe und Göttlichkeit.

Eine wahrhaftige Spiritualität, auf dem natürlichen Potential des menschlichen Wesens gegründet, ist weit von dem entfernt, was von ihr in unserer Kultur übriggeblieben ist und mehr an eine Karikatur erinnert.