Ein anderes Menschenbild

Würde man von frühester Kindheit an lernen, dass die übersinnliche Dimension eine Realität ist, die jeder durch natürliche angeborene Fähigkeiten erreichen kann, würde sich das Bild der Welt radikal ändern. Es handelt sich nicht darum auf den Stand animistischer Gesellschaften zurückzukehren, bei denen diese Fähigkeiten in Bezug auf ihre natürlichen Möglichkeiten bereits ziemlich reduziert waren. Vielmehr sollte man sich fragen, wie besagter normaler Zustand sich präsentieren würde, verfügte jeder über natürliche mediale Fähigkeiten, einfach: wenn jeder sein eigenes Medium oder sein eigener Priester wäre und das als Normalzustand zu erachten wäre.

Könnten diese Fähigkeiten von Kindheit an gelebt werden, so hätte das einen bedeutenden Einfluss auf die Psyche. Das umso mehr, da sie eng mit der dem Kind eigenen Welt der Magie verbunden sind und mit dem frühkindlichen gefühlsmäßigen und sensuellen Erleben. Das Kind empfindet eine sehr mächtige Anhänglichkeit für seine Eltern, besonders für die Mutter, eine Anhänglichkeit, die es veranlasst sich mit dem Erwachsenenmodell zu identifizieren. Sind die Eltern selbst mit dem Übersinnlichen verbunden, so nimmt das Kind diese Art zu funktionieren als ein Richtmaß für Normalität wahr.

In unserer reduktionistischen Kultur identifiziert sich das Kind im Gegenteil mit einem Funktionieren ohne diese subtile Komponente. Seine Eltern geben sich Mühe, dass es der „Realität“ ins Auge sehen lernt und die „Füße auf der Erde“ behält, ohne auf die Idee zu kommen, dass sie ihm ein vom Essenziellen abgeschnittenes Realitätsmodell geben. Jedes Mal, wenn es im Namen einer subtileren Wahrnehmung zu handeln versucht, die zumindest im Keim noch während der ersten Jahre vorhanden ist, fühlt es sich in eine heikle Lage versetzt, die Eltern rügen und die schon an die „Normalität“ angepassten Schulkameraden verspotten es. So werden die wertvollsten Antennen, nämlich diejenigen, die jedes Kind in Verbindung mit den archetypalen Werten bringen könnten, stattdessen endgültig begraben.

Desgleichen ist alles, was ihm über Sexualität gesagt oder als Modell vorgesetzt wird, mit dieser magischen Verbindung inkompatibel. Es fühlt sich intuitiv schockiert und traumatisiert von dieser naturwidrigen, ihm aufgezwungenen Sichtweise. In Ermangelung eines anderen Referenzpunktes akzeptiert es schließlich dieses Verhaltensmodell, obwohl es seinen tiefsten Sehnsüchten widerspricht.

Jeder Erwachsene leidet in unserem aktuellen Kontext an diesem inneren Konflikt. Man kann versuchen sich davon zu befreien, indem man in Romane oder eine Märchenwelt flüchtet, in das Phantasma des glücklichen Paares, in religiöse Glaubensvorstellungen, in die Arbeit… Aber jeder fühlt in seinem Grunde ein Unbehagen, einen Mangel und all die Widersprüche die daraus entstehen. Man stößt da auf die Geheimnisse des berühmten „Das Unbehagen in der Kultur“ von Freud…

Man hat Mühe sich vorzustellen was in einem natürlichen Kontext passieren würde. Das Kind würde seine tiefen Verbindungen mit dem Magischen behalten und vertiefen, seine ersten Intuitionen würden sich sofort in Form von ständig verfügbaren übersinnlichen Fähigkeiten konkretisieren. Es würde somit lernen vor schwierigen Entscheidungen oder in schwierigen Augenblicken, diese Dimension zu befragen. Es würde von niemandem abhängen, sondern fände seine eigene Autonomie im Gehorsam den höheren Mächten gegenüber.

Sein Ego würde sich harmonisch entwickeln mit einer Öffnung anderen gegenüber, die selbst auch denselben Wahrheitskriterien gehorchten. Es wäre bereit die Liebe in einer Form zu Leben, die keines der Leiden hervorrufen würde, die wir in unserem moralischen Kontext kennen. Es gäbe keine Frage von Trauma oder Neurose, sondern von Bewußtseinserweiterung und Glückseligkeit.

Das ist in der Tat das, was beobachtet werden konnte. Die positiven Konsequenzen einer derartigen Veränderung auf sozialer Ebene wären unermesslich. Sie kennenzulernen würde uns besser erlauben die Begleitumstände unserer aktuellen Situation besser zu verstehen und unsere natürlichen Werte wiederherzustellen. Es wäre das Paradies auf Erden…