Der umgedrehte Kessel

Der unglückliche Adam, am Rande der Erschöpfung unter dem Gewicht einer riesigen Bombarde (ein offensichtlich phallisches Symbol), in der ein rußendes Feuer brennt, wird schließlich vom Teufel verschlungen. Die Eule des Paradieses hat einem verhängnisvollen Ungeheuer Platz gemacht, einem Riesen-Ziegenmelker, der einen umgkehrten Kessel auf dem Kopf hat und dessen Füße in zwei Krüge gezwängt sind. Von den übersinnlichen Fähigkeiten bleiben nichts als Destruktionskräfte, die durch diesen unheimlichen Vogel repräsentiert werden, der seine Beute durch einen enormen Darmvorfall in die höllischen Gewässer ausscheidet, wo der Gourmand seine Leckereien auskotzt und der Geizige seine Taler hineinscheißt.

Was bedeutet ein umgekehrter Kessel auf dem Kopf?

In vielen Mythen repräsentiert der Kessel einen himmlischen Uterus, die Quelle des Lebens und der Weisheit. Er war auch ein Symbol der Regenerierung und der Auferstehung und ebenfalls ein Sammelbehälter, in welchen jegliches Leben in regelmäßigen Zyklen zurückkehren musste, um gekocht, durchmischt, gebraut und erneuert zu werden. Im I Ging, das exzellent die chinesische Kultur widerspiegelt, gibt der Kessel die Transformation der Seele wider, durch eine Allianz des Materiellen mit dem Spirituellen.

Man findet ihn hier umgekehrt, den Kopf des Ziegenmelkers schmückend, der die Eule aus dem Paradies ersetzt hat. Er hat also seine Aufgabe verfehlt: In einem umgekehrten Kessel kann man nichts kochen. Die Bestätigung wird durch die Tatsache geliefert, dass der Meister der Hölle seine Beute ausscheidet, ohne dass sie im Mindesten verdaut worden wäre, d.h. ohne, dass die Seele die geringste Metamorphose erfahren hätte. Die spirituelle Bilanz ihres Erdenaufenthalts ist gleich Null.

Bosch hat zusätzlich dieses ungewöhnliche Portrait des Teufels mit Hilfe einer Person kommentiert, die sich direkt hinter ihm davonstiehlt, als wollte sie aus dem Teufelskreis entkommen und die einen umgedrehten Kochtopf auf dem Kopf hat. Die Ähnlichkeit der zwei Kopfbedeckungen ist kein Zufall. In Kontrast zu dem, was die beiden Gerätschaften an diesem Ort im alchemistischen Sinne darstellen würden, könnten sie, ihres esoterischen Sinnes entleert, ein Thema anschneiden, das sich auf niedriger materieller Ebene befindet, nämlich die Kochkunst.

Diese Hypothese scheint durch die zwei gigantischen, symmetrischen Messer bestätigt zu werden, eines über dem aufgeschlitzten Ei, das andere unter einer runden Platte, wo sich ein inzweigeteilter Ritter in Agonie befindet. Bosch hätte auch zwei Schwertklingen oder Dolche wählen können, die verwegener gewirkt hätten. Warum seviert er uns hier zwei an Metzgerei oder Küche erinnernde Messer? Unten im Bild findet man ebenfalls zwei Messer, deren kulinarische Bestimmung keinen Zweifel läßt. Ein anderes bezeichnendes Detail: Die Riesenratte, die sich auf den am Boden in den letzten Zuckungen liegenden Adam stürzt, hat in einer Gamasche einen der Küche entsprungenen Holzlöffel. Lasst uns ebenfalls das Fehlen jeglichen Küchensymbols im Paradies und im Zentralbild festhalten, wo es im Gegenteil zahlreiche lebendige Früchte gibt.

Solch ein mehrfach wiederholter gemeinsamer Nenner kann nur absichtlich vom Künstler gewollt sein. Die einfachste Hypothese wäre also, dass die Absicht darin bestand, Ernährung oder Esssucht als Ursache des Scheiterns des Heiligen Eros anzuprangern.

Eine solche Interpretation wäre recht wagemutig, würde nicht die konkrete Erfahrung die Schädlichkeit durch Kochen und kulinarische Zubereitungen denaturierter Nahrung bestätigen. Die Verbindung zwischen Sexualität und dem Übersinnlichen ist in der Tat im Kontext einer so natürlich wie möglich gehaltenen Ernährung ans Tageslicht gekommen.

Die Beobachtung zeigt, dass zahlreiche gängige Lebensmittel Nervenreizstoffe enthalten, und dass diese Reizung vorzugsweise die tierischen, dem Heiligen Eros konträren Triebe stimulieren. Man beobachtet insbesonders eine Zunahme des „sexuellen Bedürfnisses“ zum Schaden der subtilen Dimension der physischen Liebe sowie eine Verschärfung der mit dem Heiligen Eros inkompatiblen Komponenten des Egos. Die verschiedenen mit einer Liebesbeziehung verbundenen Triebe wie Eifersucht, Hass, Angst, Schuldgefühl usw. stauen sich auf und ertränken feinere Empfindungen wie Liebesmagie, Geduld, Toleranz usw.

Angesichts der tiefen Kenntnis der menschlichen Natur, von der das Werk Boschs zeugt, wäre es nicht erstaunlich, dass er auch dieses mehr biologischen Aspekts des Verlustes des Heiligen Eros bewußt gewesen wäre, und dass er es für nötig erachtete ihn in leicht erkennbarer Form zu erwähnen, die jedoch einer üblichen Analyse entgehen musste.